Gut, dass ich neulich früh aufgestanden bin. Was sich jeden morgen, gegen halb 8 vor meiner Tür abspielt ist sehenswert.
Dutzende gelb und weiß bemützte Kinder liefen in kleinen Grüppchen durch die Straßen. Pro Gruppe ein Fahnenträger, der an Kreuzungen den Stab mit dem gelben Stoffquadrat voraus schickt, um alle sicher zur Schule zu führen. Aber keines Wegs steif und strikt geordnet, sondern mit vergnügter Spielerei. Im Park wurde da auch schon mal die Fahne zum wehenden Tanzaccessoire.
Wenn ich eine dreiviertel Stunde später vom Balkon springe* kann ich die lieben Kleinen sogar bunte Lieder singen hören wenn ich an ihrer Schule vorbei gehe.
Wenn man sich dabei alle mit ihren gelben und weißen Mützchen, an ihren Tischen sitzend, vorstellt ist das wie in Schallwellen gebündelter Weltfrieden!
Szenenwechsel.
Circa 30 Blaumann tragende “Freshmen”, stehen in Reih und Glied in unserem Büro. Eine lange Schlange zieht sich von der Kollegin, die die begehrten grünen Essensmarken zum Verkauf bevorratet, bis zur Eingangstür des Großraumbüros. Alle mit der Mütze in beiden Händen haltend und still wartend.
Szenenwechsel.
Punkt 15:15 Uhr ertönt klassische Musik und ergänzt das Mausradknarren, Tastaturklicken, den Druckerpapiereinzug und das Zählen von Belegen, das klingt wie das Zählen von Banknoten. Morgens, nachmittags und auch abends ist diese Musik die Begleitung zur körperlichen Ertüchtigung die vor einer Schicht von allen Mitarbeitern kollektiv durchgeführt wird. Armkreisen, Kopfdrehen und kleine Dehnübungen helfen die hohe Lebenserwartung der Japaner zu ermöglichen. (abgesehen von den vielen Japanern, die den Bahnverkehr wegen scheinbar unüberwindbaren persönlichen oder betrieblichen Probleme beeinträchtigen)
Szenenwechsel.
Auf dem Bahnsteig tummeln sich die Menschen. Was hier zur Rush Hour alle 3 Minuten in eine Bahn einsteigt, verlangt anderswo einen Abgesprochenen Flashmob. Was in Deutschland auch verblüffen würde, wäre nicht nur die pure Masse an Menschen, sondern auch, dass sie sich alle in geraden Linien aufstellen, dort wo auf dem Boden Markierungen sind, die signalisieren, wo die Türen sein werden.
Doch es geht noch weiter.
An einem Samstagabend, wartend auf den Zug nach Hause, sehe ich wieder aufgereihte Japaner auf den Zug warten. Ich bin zu geschafft um mich mit anzustellen, also setze ich mich auf eine Bank. Der Zug rollt ein, ich warte noch, da er einige Minuten vor Abfahrt einrollt. Die Menschen verlassen den Zug und die Reihen warten bis alle den Zug verlassen haben. Und länger. Der Zug steht beleuchtet, leer und mit geöffneten Türen da und niemand steigt ein. Die Japaner warten, fast wie in Trance vor der Tür mit dem Blick auf das Handy oder halb schlafend.
Dann plötzlich schließen sich die Türen, das Licht geht aus und es ist kurz ruhig. Das Licht geht wieder an, die Türen öffnen sich und die Japaner ‘stürmen’ in die Bahn, als sei gerade erst der letzte ausgestiegen.
Manchmal läuft auch ein Ein-Mann-Reinigungstrupp durch die Wagen während alle draußen warten und sammelt die 2 Papierchen auf, die ein gewissenhafter Japaner ausschließlich versehentlich vergessen haben kann. Denn trotz der Tatsache, dass es kaum Mülleimer in der Öffentlichkeit gibt (außer auf manchen Bahnsteigen und vor den Kombinis) ist es erstaunlich sauber. Das liegt daran, dass Japaner ihren Müll einfach wieder mit nach Hause nehmen. (Ich habe sogar den Müll den ich auf den Mt. Fuji getragen habe, wieder bis nach Hause zurück getragen!)
Szenenwechsel.
Gegenüber sitzen einige Japaner, die sich nicht kennen. Noch nicht.
Nach einigen Mails die sie vom Handy versenden schlafen sie einer nach dem anderen ein. Wie von Geisterhand geweckt suchen sie bei (fast) jeder Station nach einer Anzeige, die den Stationsnamen verrät oder tippen die vor dem Schläfchen begonnene eMail weiter. Manchmal schlafen sie in einer Position ein, die nicht verrät, ob sie noch etwas auf dem Handy lesen oder schon träumen. Oder sie schlafen so offensichtlich, mit dem Kopf nach hinten gefallen, dass man den Gaumen im Takt des Zugratterns baumeln sehen kann.
Sie schlafen auch auf einander ein. Es ist immer wieder ein interessantes Schauspiel, wenn sie leicht hin und her schwankend, sich dem Nachbarn nähernd, kurz vor der Landung kurz aufwachend und aufrichtend, dann am Ende doch der Nachbarschulter erstaunlich nahe kommen, bis dieser sich ein Stückchen weg rückt. Aber es gibt kein entkommen.
Auch auf meiner Schulter schlief schon manch ein Japaner, bis er / sie von einem Freund, peinlich berührt geweckt wurde.
Szenenwechsel.
Ein Japaner schläft auf der Rollträppe. (auch die 20 Sekunden sollen nicht unnütz vertan sein!)
Rhox
*lustiger Versprecher meiner neuen Praktikanten-Kollegin während des Japanischunterrichts. Wörtlich: “Jeden morgen um 8 Uhr, springe ich aus meiner Wohnung” (im 3. Stock).
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